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I. Meine lieben Leser
Siegfried schrieb mir eine E-Mail aus Palma de Mallorca: „Soeben habe ich in 30 Minuten die ersten 50 Seiten Deines Romans ‚Der Sieg der Taube’ gelesen. Leider muss ich unterbrechen. Das fiel mir äußerst schwer – klebe ich doch an den Zeilen.“
Auch Theofilos mailte freudig erregt: „Ich habe den Roman innerhalb eines Tages zwei Mal gelesen. Das habe ich schon lange nicht mehr erlebt. Nicht an einem einzigen Tag.“
Nicht alle Leser sind so nett. Die meisten gehören zur schweigenden Mehrheit – von ihnen erfährt der Dichter nie etwas. Außer, sie machen ihn zum Bestsellerautor. Dann merkt der Autor an den Honorarzahlungen des Verlags, daß sie seinen Roman nicht nur einmal, sondern gern auch zwei oder drei Mal gekauft haben. Sie verschenken das Buch, empfehlen es, schwärmen von der Geschichte und ihren Figuren und lesen das Buch selbst mindestens zweihundertfünfzig Mal bis die Druckerschwärze der Zeilen allmählich verblasst – aber dann ist es ohnehin Zeit, allmählich das Totenbettchen zu wärmen.
Ich habe dieses Bestseller-Gefühl erst einmal erlebt. Da kauften die Leser das Buch „Ganz Deutschland lacht – 50 deutsche Jahre im Spiegel ihrer Witze“ wie verrückt. Das Buch habe ich zusammen mit Chris Howland, Dieter Thoma und Michael Lentz gemacht. Zeitweise gab es in den Buchhandlungen sogar Schlägereien, weil man sich um das letzte vorhandene Exemplar stritt. Über 100.000 Mal klingelte die Kasse.
So macht Bücher schreiben Spaß – wegen der Anerkennung, des Honorars und weil man sich dann mal wieder einen neuen Regenschirm kaufen kann für schlechte Zeiten.
Mein Jugendfreund Werner hat allerdings noch keinen Roman von mir gelesen. Das letzte Werk, daß er komplett gelesen hat, war der „Spiegel“. Strauss, der starke CSU-Mann, war auf dem Titel. Strauss war Werners Lieblingsfeind seit den 68ern. Als ich Werner das letzte Mal traf, hatte er von meinem neuen Mallorca-Roman immerhin vier Seiten gelesen. Schon klage er: „Meine Augen werden immer so schwer, wenn ich zu viele Buchstaben auf einmal sehe.“
Mein Freund Jürgen, ebenfalls aus meiner Jugendabteilung übrig geblieben, liest dagegen – nicht alles, was ich schreibe. Ich war darum richtig stolz, als er mir erzählte, daß er den Mallorca-Roman jetzt schon zum zweiten Mal lese.
Solche und ähnliche Reaktionen kenne ich inzwischen von einigen Lesern. „Nervenkitzelig“, schrieb mir Karl-Heinz, ein Kunstsammler aus Düsseldorf. „Außergewöhnlich spannend“, meint Helga, die seit zwei Jahren in Sóller lebt. „Den ‚Sieg der Taube’ habe ich nicht gelesen. Ich bin in einem Tag und einer Nacht Teil der Geschichte geworden“, lobte Eberhard, ein Maler-Freund, auch aus Sóller.
Nicht, daß Sie jetzt denken, die Leute würden meinen Roman aus Interesse an der Story lesen! Oh nein! - Ich habe nur allen erzählt, daß sie in dem Buch höchstpersönlich, aber verschlüsselt vorkommen.
Wer will nicht eine Figur der Literatur werden, wenn er schon kein Bundesverdienstkreuz besitzt wie die meisten Bäckermeister, die heute noch ein Brötchen mit geradem Schlitz in der Mitte backen können.
Und so lesen die Leute das Buch in geradezu atemberaubender Geschwindigkeit durch und suchen sich selbst in jeder meiner Romanfiguren – meist mit Erfolg. Denn ich lege die Figuren inzwischen so an, daß jeder Leser in ihnen auch ein bisschen von sich selbst wiederfindet. Probieren Sie es doch auch mal und lesen Sie meinen Roman!
II. She - Eine Wahnsinns-Geschichte
„Ich habe eine Idee“, erzähle ich Brigitte, „ich möchte Stephen Kings ‚Misery’ auf die Bühne bringen. Ein tolles Zwei-Personen-Stück. Kathy Bates hat für ihre Filmrolle einen Oskar bekommen. Eine Wahnsinns-Story: Ein Schriftsteller verunglückt während eines Schneesturms in der amerikanischen Wildnis und wird von der Krankenschwester Annie gerettet. Sie pflegt ihn in ihrem Haus. Der Autor ist ihr Lieblingsschriftsteller, seine Serienfigur ihre Lieblingsheldin. Als sie erfährt, daß der Schriftsteller die Romanfigur in seinem neusten Werk sterben lässt, vernichtet sie das Manuskript, daß er gerade beendet hat. Sie zwingt ihn ein neues Manuskript zu schreiben und die Heldin überleben zu lassen. Zwingt ihn dazu, indem sie seine Beine zerschmettert.“
„Eine Wahnsinnsgeschichte“, findet Brigitte. „Frag doch mal den Intendanten. Der mit dem kleinen Hund in den Rheinwiesen.“
„Dessen Theater es so schlecht geht?“ frage ich. Sie nickt.
Tage später begegne ich ihm beim Spaziergang. Ich spreche ihn an. Erzähle ihm von meiner Idee, auch davon, daß ich meinem Agenten gebeten habe, wegen der Rechte zu recherchieren. „Das ist doch eine Gelegenheit, junges Publikum ins Theater zu holen. Das Film-Publikum zum Beispiel. Ein Zwei-Personen-Stück mit großer Wirkung. Marianne Sägebrecht in der weiblichen Hauptrolle – die Idealbesetzung.“
Der Theaterintendant sieht mich skeptisch von der Seite an. Sein Hund wedelt freudig mit dem Schwanz.
„Eine Chance, gute PR für Ihr Theater zu machen. Das bringt Zuschauer, positive Stimmung bei den Kulturpolitikern. Vielleicht könnten wir zusammen ...“
Der Theaterintendant schüttelt den Kopf. „Das ist nichts für uns. Außerdem: Wir haben Geld von einem Sponsor bekommen. Wir kommen jetzt auch so klar.“
Wir verabschieden uns. Ich trage meine Idee vom idealen Zwei-Personen-Stück für eine Düsseldorfer Bühne weiter über die Oberkasseler Rheinwiesen. Wer könnte die männliche Hauptrolle spielen, überlege ich. Wie könnte ich diese Idee realisieren. Ob Stephen King vielleicht kommen würde?
Viele Rheinwiesen-Spaziergänge später lese ich in der Zeitung einen Bericht über die Premiere von „Misery“ im Theater des netten Theaterintendanten. Man wolle junges Publikum in das Theater holen, erklärt er hoffnungsvoll.
Leider hat er vergessen, mich zur Premiere einzuladen. Stephen King ist auch nicht gekommen. Sägebrecht scheint er ebenfalls nicht bekommen zu haben. Gute PR hat er mit dem Stück auch nicht gemacht. Das Theater gibt es inzwischen nicht mehr. Aber das ist für mich auch kein Triumph.
*
Monate später sitze ich mit Edeltraut und Jens und Freunden und Bekannten im „Bürger & Edelmann“, und wir sprechen über Theater, Schauspieler und Intendanten. Jens Prüss hat gerade im Theater „Flin“ sein neues Kabarettprogramm „Hauptsache Spaß“ auf die Bretter gebracht – das beflügelt, und so erzähle ich spät am Abend von meinem Erlebnis mit B., inzwischen nicht mehr Intendant der Kammerspiele.
Ein Schauspieler, der in der Runde sitzt, bekommt große Ohren, als er meine Geschichte hört. Er kennt sie, weil er damals in den Kammerspielen arbeitete und mitbekam, wie Intendant B. nach seinem Spaziergang in den Rheinweisen die Begegnung mit mir zum besten gab. Da war er voller Begeisterung für die Idee, „Misery“ auf die Bühne zu bringen.
Manche Menschen können eben, wenn es ihnen in den Kram passt, ihre Freude gut verbergen. Ich zeige sie gerne: B. macht jetzt in der Provinz Theater.
Ausgerechnet Sommerfestspiele, die er so hasst ...
III. Signierstunde
Auf Mallorca treffe ich Jürgen. Er hat lange in Düsseldorf gelebt, bevor er nach Spanien zog. Als er auf der Plaza von Sóller an meinen Tisch kommt, zieht er zwei Exemplare meines neuen Mallorca-Romans aus dem Rucksack.
„Willst Du mir die wieder zurückgeben“, frage ich. „Wer ein Buch gekauft hat, muss es behalten. Das ist nicht so wie mit einer Flasche Bier. Leer trinken und zurückgeben.“
„Ich habe gehört, daß Du auf der Insel bist. Kannst Du mir die signieren?“
Jürgen hält mir einen angenagten Kugelschreiber hin. Ich ignoriere den Stift und nehme meinen MontBlanc, Rollerball, schwarze Mine, mittelfein. Wenn schon signieren, dann mit Stil. „Für Dich?“
„Schreib hier was für Reini rein.“ Er buchstabiert den Namen seiner neuen Freundin, als ich ihn mit hochgezogenen Augenbrauen anblicke. „Und irgendwas persönliches dazu, bitte.“
Ich denke nach: Welche persönlich gemeinten Zeilen schreibt man einer fremden Person ins Buch? Die Leute sind heute nicht mehr damit zufrieden, daß ein Autor das frisch gekaufte Werk mit seiner nackten Unterschrift versieht. Es muss etwas ganz Persönliches sein, etwas, daß so noch nicht geschrieben wurde. Am besten ein Lied. Oder ein Gedicht. Ein Mann verlangte mal von mir, daß ich folgenden Satz schreibe: „Niemand ist schöner als Du, Marie!“ Mit Ausrufezeichen. Darauf bestand er. Ich hab`s gemacht, weil er gleich drei Bücher gekauft hat und ich den Satz in jedes Buch schreiben sollte, nur jeweils mit einem anderen Namen. Für die Ehefrau und seine beiden Geliebten.
Die meisten Buchkäufer sind glücklicherweise etwas bescheidener und geben sich mit „Alles Gute für Ihre Zukunft“, „Viel Spaß bei der Lektüre“ oder „Schön, daß Sie da waren“ zufrieden. Ich habe es mir auch zur Angewohnheit gemacht, meine Widmungen in besonders großer Schrift zu schreiben. Grundsätzlich benutze ich dafür eine Seite, die bereits mit Titel und anderen Angaben zum Buch vorbedruckt ist. Dadurch spare ich mir viele Worte. Hilfreich ist auch das fröhliche Strichmännchen, das ich immer meinem Nachnamen anfüge. Es amüsiert die Betrachter und erspart mir noch einmal mindestens zwei Zeilen.
Wenn ich den Leuten die Bücher signiere und höflich frage, für wen ich signieren soll („Den Vornamen der Oma bitte buchstabieren.“), frage ich manchmal, was sie mit den signierten Büchern anfangen. Irgendwie ist es mit einem solchen Buch doch so, wie in dem Witz: Fragt ein junger Poet den weltberühmten Autor, ob er ihm sein erstes Werk schenken dürfte. Antwortet der arrivierte Schriftsteller: „Aber gern, wenn es nicht durch eine Widmung entwertet ist.“
Bücher mit persönlichen Widmungen können nicht mehr verschenkt werden. Sie bleiben ein Leben lang im Besitz eines Beschenkten. Die meisten Buchkäufer, so meine Beobachtung, lassen sich allerdings ein Buch signieren, daß sie selbst behalten wollen. Manche hoffen darauf, daß der Autor einmal richtig berühmt wird und das Buch einer Aktie gleich im Wert steigt und dann mehr wert ist als das bedruckte Papier. Es soll allerdings auch schon passiert sein, daß ein Buchempfänger berühmter wurde als derjenige, der die Widmung schrieb: „Für meinen Freund Goethe – Schiller.“
Andere zeigen das Buch stolz im Kreis ihrer Familie, den Nichten und Enkeln und deren kleinen Freundinnen und geben damit an, einen Schriftsteller zu kennen, der sie außerdem noch duzt: „Wir haben uns vor ein paar Tagen bei einer Lesung wieder getroffen und einen tollen Abend miteinander verbracht.“
Manch einem soll ja so ein Buch schon als Beweis gedient haben, daß er den Abend nicht mit der Geliebten, sondern mit der Stärkung seiner geistigen Potenz verbracht hat; das sind die Männer, die kurz vor Ende einer Lesung in den Saal hasten, dem Autor in den Mantel helfen und ihn nötigen, sein letztes, persönliches Leseexemplar zu verkaufen und zu signieren. Die handeln dann auch noch den Preis herunter, weil das Buch ja schon benutzt wurde und ein paar Eselsohren hat.
Auch Autoren „benutzen“ manchmal die Signatur in ihren Büchern für sehr egoistische Zwecke. Axel Hacke gestand auf einer Lesung in Düsseldorf, daß er einmal einer attraktiven, rothaarigen Buchkäuferin statt des Datums seine Handy-Telefonnummer ins Buch geschrieben hat. Wenige Tage später rief sie ihn an – da stand er zusammen mit seiner Frau bei Dallmayr in München und kaufte Kaffee. Während er also mit der Angebetenen telefonierte, versuchte er den Lauschangriffen seiner besseren Hälfte auszuweichen. Gleichzeitig musste er sich eines Kunden erwehren, der ihn als Handy-tragenden Widerling beschimpfte: „Sie sind ja so wichtig. Sooo wichtig“, rief ihm der Mann immer wieder ins Ohr. Selbstverständlich kam es zu einer komischen Verwechslungsszene, weil Hacke dem Aufdringling anfuhr, er soll den Mund halten und sich die Dame am Handy persönlich angesprochen fühlte. Hacke landete schließlich mit Kopf und Handy in einem Regal voller Marmeladengläsern. Er soll nach diesem Erlebnis angeblich auf künftige Annäherungsversuche per Buchwidmung verzichtet haben.
Ich bin fest davon überzeugt, daß ein Buch wegen einer Signatur keinen Ehrenplatz in einem Buchregal erhält. Manche machen mit einem signierten Buch schlicht das, was auch ich mit ihnen mache – sich drüber freuen. Der Erinnerungswert ist enorm.
Darüber hinaus ist das Signieren von Büchern eine gute Werbung. Manche Autoren signieren ihre Bücher so oft sie können. Denn jeder, der so ein Buch besitzt, wird später mit mindestens einer Person positiv darüber sprechen. Und viele dieser so motivierten Menschen werden kurz darauf selber das Buch kaufen. Und das ist doch für einen Autor sehr wichtig – zumal diese Bücher dann vom Autor nicht auch noch persönlich signiert werden müssen ...
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